Wie wollen wir in Lünen künftig leben?
Wie unterhalb, oder wie oberhalb der roten Linie?
Wollen wir in Häusern leben und arbeiten, die die Natur nur etwas weniger kaputtmachen, oder wollen wir Häuser haben, die die Luft reinigen, das Stadtklima verbessern und die Menschen gesünder machen?
Unsere aktuellen „umweltfreundlichen“ Baumaterialien sind keineswegs umweltfreundlich, sondern weniger umweltschädlich als die früheren (z.B. Asbest und Styropor).
Wenn jemand sein Kind nur noch 2 mal in der Woche schlägt statt wie früher 5 mal, der ist nicht „kinderfreundlich“!
Kann ein Gebäude nach seinem Abriss als Ressourcenquelle für neue Gebäude dienen, oder muss der Bauschutt als Sondermüll teuer entsorgt werden?
Um diesen und anderen Fragen nachzugehen haben wir uns am Freitag, dem 29. November 2024 auf den Weg in die Niederlande gemacht, wo im neuen Rathaus der Stadt Venlo ein Workshop stattfand, der sich mit den Themen nachhaltiges Bauen, zirkuläres Bauen und innovative Materialien befasste. Der Workshop bot den Teilnehmern einen tiefen Einblick in zukunftsfähige Bauweisen und zeigte anhand des neuen Rathauses Venlo, wie nachhaltiges Bauen in der Praxis umgesetzt wird.
Die Veranstaltung wurde von Michel Weijers (C2C ExpoLab), Jürgen Zimmermann (Holzbauexperte) und Martin Wirz (DGNB-Auditor und Baubiologe) geführt. Die Referenten erläuterten verschiedene Aspekte des nachhaltigen Bauens:
Zukunftsfähiges Bauen mit Holz100
Holz100 ist eine innovative Bauweise, bei der Holz als einziger Baustoff für die tragenden Strukturen verwendet wird. Diese Methode verhindert CO2-Emissionen und gestattet Gebäude zu errichten, die mit einer positiven Klimabilanz starten, da Holz als nachwachsender Rohstoff CO2 speichert. Im Workshop wurde erklärt, wie Holz100 zu einer nachhaltigen und ressourcenschonenden Bauweise führt.
Zirkuläres Bauen
Zirkuläres Bauen fördert die Wiederverwendung und das Recycling von Baustoffen. Statt Gebäude nach ihrer Nutzung abzubrechen und die Materialien zu entsorgen, werden diese Baustoffe wiederverwendet, oder in andere Gebäude integriert. Das Ziel ist es, Abfall zu vermeiden und Ressourcen effizient zu nutzen, was die Nachhaltigkeit im Bauwesen erheblich steigert und die Kosten senkt.
Gebäuderestwert
Der Restwert von Gebäuden bezieht sich auf den Wert, den ein Gebäude nach seiner Nutzungsphase noch besitzt, besonders in Bezug auf die Wiederverwertbarkeit von Materialien. Ein hoher Restwert bedeutet, dass ganze Gebäudeteile nach ihrer Nutzung weiterverwendet und die restlichen Baustoffe als Ressourcenpool wiederverwendet werden können, was die Lebenszykluskosten des Gebäudes senkt.
Das Rathaus Venlo: Ein Modell für nachhaltiges Bauen
Das Rathaus Venlo ist ein herausragendes Beispiel für nachhaltiges und zirkuläres Bauen, das in enger Verbindung mit den Themen des Workshops steht. Es wurde mit dem Ziel errichtet, sowohl ökologisch als auch sozial einen positiven Einfluss zu haben. Das Gebäude verwendet u.a. Holz100 als Baumaterial, wodurch nicht nur die CO2-Bilanz des Rathauses deutlich verbessert wird. Weitere nachhaltige Materialien wie Lehm, Kork und Recyclingmaterialien (z.B. Bubbledeckbetonplatten) wurden in die Bauweise integriert, um die Ressourcennutzung zu optimieren. Ein besonderes Augenmerk wurde auch auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Mitarbeiter gelegt.
Das Rathaus bietet mit seinen nachhaltigen Materialien, einer hohen natürlichen Belichtung und einem gesunden Raumklima optimale Arbeitsbedingungen. Feldstudien haben gezeigt, dass Holz und andere natürliche Baustoffe Stress reduzieren, die Kreativität fördern und das allgemeine Wohlbefinden steigern. Darüber hinaus sorgen die begrünte Außenfassade und das im obersten Stock angesiedelte Gewächshaus für eine bessere Luftqualität und tragen zur Verbesserung des Stadt- und Büroklimas bei, indem sie die Temperatur regulieren und die Luft filtern. Im Inneren des Gebäudes kommen Möbel zum Einsatz, die den Ansprüchen von „Cradle&Cradle“ genügen und Bodenbelege, die den Feinstaub aufnehmen.
Im Vergleich zum alten Rathaus sind die Krankenstände um 50% gesunken! Die Menschen haben es auf der Arbeit schöner und gesünder als zu Hause und gehen deshalb gerne „malochen“. Das musst Du dir erst mal vorstellen!!!
Das energieeffiziente Design des Rathauses (u.a. WKS-Wärme-Kälte-Speicher) sorgt dafür, dass das Gebäude im Winter weniger Heizenergie benötigt und im Sommer eine natürliche Belüftung für angenehme Temperaturen sorgt. All diese Maßnahmen zeigen, wie nachhaltiges Bauen nicht nur der Umwelt, sondern auch den Nutzern zugutekommt, indem es eine gesunde und produktive Arbeitsumgebung schafft.
https://www.youtube.com/watch?v=YONrH8mr45I&t=3s
Der Workshop im Rathaus Venlo ist eine wertvolle Gelegenheit, um sich über zukunftsfähige Baupraktiken und nachhaltige Lösungen zu informieren. Das Rathaus selbst dient als eindrucksvolles Beispiel, wie die Prinzipien von „C&C“ sowie des zirkulären und nachhaltigen Bauens erfolgreich umgesetzt werden können. Es zeigt, dass nachhaltiges Bauen nicht nur die Umwelt schont, sondern auch direkte Vorteile für die Menschen bietet, die in solchen Gebäuden arbeiten und leben.
Wir können allen Verantwortlichen in Lünen die Teilnahme am nächsten Workshop im Februar 2025 wärmstens empfehlen.
Es fällt schwer die Wende zu denken, aber in Venlo kann man sie erleben.